01.10.2026 9 Minuten Lesezeit

KI, Quantencomputer und Cybersicherheit: Angriff und Abwehr

KI senkt die Kosten für Phishing, Deepfake-Betrug und das Ausnutzen von Sicherheitslücken. Quantencomputer werden heutige Public-Key-Verschlüsselung eines Tages brechen, und Daten, die heute abgefangen werden, sind schon jetzt betroffen. Ein faktengeprüfter Überblick über Angriff und Abwehr, mit Quellen und einer Checkliste für KMU.
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Künstliche Intelligenz macht Cyberangriffe schon heute schneller, billiger und überzeugender. Quantencomputer werden die Verschlüsselung, auf der Onlineshops, Online-Banking und VPNs beruhen, eines Tages brechen, und Daten, die heute abgefangen werden, sind davon bereits betroffen. Beide Technologien stehen aber auch der Verteidigung zur Verfügung. Dieser Beitrag trennt Belegtes von Hype: wie Angreifer KI und künftige Quantencomputer nutzen, wie dieselben Werkzeuge in der Abwehr helfen und was kleine und mittlere Unternehmen jetzt konkret tun sollten. Jede Zahl ist mit ihrer Quelle verlinkt.

Wie Angreifer KI heute einsetzen

KI erfindet selten völlig neue Angriffe, sie macht bekannte Angriffe massentauglich. Die britische Cybersicherheitsbehörde NCSC hält es für nahezu sicher, dass KI Teile von Cyberangriffen bis 2027 effektiver und effizienter macht und die Zeit zwischen dem Bekanntwerden einer Schwachstelle und ihrer Ausnutzung weiter verkürzt (NCSC, Mai 2025).

Phishing und Social Engineering in Masse

Fehlerfreie, persönlich formulierte Phishing-Mails in jeder Sprache kosten mit Sprachmodellen fast nichts mehr. Laut der EU-Cybersicherheitsagentur machten KI-gestützte Phishing-Kampagnen Anfang 2025 berichteten Zahlen zufolge mehr als 80 Prozent der weltweit beobachteten Social-Engineering-Aktivitäten aus (ENISA Threat Landscape 2025). Für 2026 erwartet ENISA, dass KI noch mehr Phasen eines Angriffs direkt unterstützt (ENISA Threat Landscape 2026).

Deepfakes: der falsche Finanzchef im Videocall

Anfang 2024 überwies ein Mitarbeiter des Ingenieurunternehmens Arup in Hongkong rund 200 Millionen Hongkong-Dollar (etwa 25 Millionen US-Dollar), nachdem er in einer Videokonferenz mit dem vermeintlichen Finanzchef und weiteren Kolleg:innen gesprochen hatte. Alle waren per KI erzeugt (CNN). Geklonte Stimmen funktionieren am Telefon genauso.

Schadsoftware, die sich selbst umschreibt

Googles Threat Intelligence Group hat 2025 erstmals Schadsoftware beobachtet, die während der Ausführung ein Sprachmodell abfragt, etwa um ihren eigenen Code laufend neu zu verschleiern und Virenscanner zu umgehen (Google GTIG, November 2025).

KI-Agenten, die weitgehend selbstständig angreifen

Im November 2025 machte Anthropic einen Spionagefall öffentlich, den das Unternehmen mit hoher Sicherheit einer staatlich unterstützten chinesischen Gruppe zuordnet: Die Angreifer ließen den KI-Agenten Claude Code geschätzt 80 bis 90 Prozent der Arbeit erledigen, von der Aufklärung bis zum Auswerten gestohlener Daten. Rund 30 Organisationen waren Ziel, in einigen wenigen Fällen mit Erfolg. Fehlerfrei war die KI nicht: Sie halluzinierte gelegentlich Zugangsdaten (Anthropic).

Das schlägt sich in den Kosten nieder: Laut IBM war 2026 bereits jeder vierte böswillige Datenbruch KI-gestützt, ein Plus von 56 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Solche Vorfälle kosteten im Schnitt 6 Millionen US-Dollar, rund eine Million mehr als der weltweite Durchschnitt von 4,99 Millionen (IBM Cost of a Data Breach 2026).

Quantencomputer: warum heutige Verschlüsselung ein Ablaufdatum hat

Fast jede sichere Verbindung im Internet beginnt mit Public-Key-Verfahren wie RSA oder elliptischen Kurven. Sie beruhen auf mathematischen Problemen, die klassische Computer praktisch nicht lösen können. Ein ausreichend großer Quantencomputer könnte sie mit dem Shor-Algorithmus lösen, und was „ausreichend groß“ heißt, schrumpft: 2019 schätzte Google-Forscher Craig Gidney noch 20 Millionen fehleranfällige Qubits, um einen RSA-2048-Schlüssel zu knacken, 2025 weniger als eine Million, bei einer Laufzeit von unter einer Woche (Gidney 2025). Eine solche Maschine gibt es heute nicht, und niemand kann seriös sagen, wann es so weit ist. Dieser Tag wird oft „Q-Day“ genannt.

Harvest now, decrypt later

Für viele Daten spielt das genaue Datum trotzdem keine Rolle. Wer verschlüsselten Datenverkehr heute mitschneidet und speichert, kann ihn entschlüsseln, sobald ein passender Quantencomputer verfügbar ist. Vor diesem „Jetzt sammeln, später entschlüsseln“ warnen die US-Behörden CISA, NSA und NIST ausdrücklich (Quantum-Readiness-Factsheet). Betroffen sind alle Informationen, die in zehn oder fünfzehn Jahren noch vertraulich sein müssen: Verträge, Gesundheits- und Personaldaten, Konstruktionspläne, Geschäftsgeheimnisse.

Ist AES quantensicher?

Symmetrische Verschlüsselung ist deutlich weniger betroffen. Nach Einschätzung des deutschen BSI bietet AES mit einer Schlüssellänge von 256 Bit langfristig einen hinreichenden Schutz gegen Angriffe mit Quantencomputern (BSI: Kryptografie quantensicher gestalten). Das Problem sind Schlüsselaustausch und Signaturen, nicht AES selbst.

Post-Quanten-Kryptographie: der Stand 2026

Die Antwort auf Quantencomputer ist keine Quantentechnik, sondern neue Mathematik. Post-Quanten-Kryptographie (PQC) umfasst Verfahren, die auf heutigen Computern laufen und nach heutigem Wissen auch Quantencomputern standhalten.

  • Standards: Am 13. August 2024 hat das US-Standardisierungsinstitut NIST die ersten drei PQC-Standards veröffentlicht: FIPS 203 (ML-KEM) für den Schlüsselaustausch sowie FIPS 204 (ML-DSA) und FIPS 205 (SLH-DSA) für Signaturen (NIST).
  • Fristen: Nach dem NIST-Entwurf IR 8547 sollen RSA und elliptische Kurven nach 2030 als veraltet gelten und nach 2035 nicht mehr zulässig sein (NIST IR 8547). Die EU-Mitgliedstaaten wollen bis Ende 2026 mit dem Umstieg beginnen und Anwendungen mit hohem Risiko spätestens Ende 2030 umgestellt haben (EU-Kommission, Juni 2025). Das BSI empfiehlt, klassische asymmetrische Verfahren ab Ende 2031, für höchst sensible Anwendungen ab Ende 2030, nicht mehr allein einzusetzen, sondern hybrid mit PQC zu kombinieren (BSI, Februar 2026).
  • Schon im Einsatz: Chrome handelt Verbindungen seit Version 131 hybrid mit ML-KEM aus (Google), und bei Cloudflare war im April 2026 mehr als 65 Prozent des menschlichen Datenverkehrs post-quanten-verschlüsselt. Bei Zertifikaten und Signaturen steht der Umstieg dagegen noch am Anfang (Cloudflare).
  • Quantenschlüsselverteilung (QKD) ist für die meisten Unternehmen keine Alternative: Das BSI, die französische ANSSI sowie die niederländische und die schwedische Behörde halten sie nur für Nischen geeignet und räumen PQC klar Vorrang ein (Positionspapier, Jänner 2024).

Für Unternehmen im Geltungsbereich der NIS2-Richtlinie, in Österreich seit 1. Oktober 2026 als NISG 2026 umgesetzt, ist das kein Zukunftsthema: Artikel 21 verlangt unter anderem Konzepte und Verfahren für den Einsatz von Kryptografie und Verschlüsselung (NIS2-Richtlinie). Ob Ihr Unternehmen betroffen ist, klärt unser NIS2-Check.

KI in der Abwehr: dieselbe Technik auf der anderen Seite

Was Angreifern hilft, hilft auch Verteidigern, oft sogar mehr, weil sie ihre eigenen Systeme kennen.

  • Lücken finden, bevor Angreifer sie nutzen: Googles KI-Agent Big Sleep hat 2025 eine kritische Schwachstelle in der weit verbreiteten Datenbank SQLite (CVE-2025-6965) entdeckt, die laut Google nur Angreifern bekannt war und kurz vor der Ausnutzung stand. Google spricht vom ersten Mal, dass ein KI-Agent einen solchen Angriff direkt vereitelt hat (Google, Juli 2025).
  • Schneller erkennen und eindämmen: Unternehmen, die KI und Automatisierung im Security-Betrieb einsetzen, senkten die Kosten eines Datenbruchs laut IBM 2026 um durchschnittlich fast 2 Millionen US-Dollar. Ein Viertel der Unternehmen nutzt solche Werkzeuge noch gar nicht (IBM).
  • Weniger Lärm im Alltag: KI sortiert Warnmeldungen, fasst Logdaten zusammen und schlägt erste Schritte vor. Anthropic empfiehlt Sicherheitsteams, KI für die Automatisierung im Security Operations Center, die Bedrohungserkennung, Schwachstellenanalysen und die Reaktion auf Vorfälle einzusetzen (Anthropic).

Eine Einschränkung gilt auf beiden Seiten: KI irrt sich. Dieselbe Technik, die im Spionagefall Zugangsdaten halluzinierte, kann in der Abwehr Fehlalarme auslösen oder Angriffe übersehen. Entscheidungen über Systeme und Daten gehören deshalb in menschliche Hände, die Vorarbeit kann KI übernehmen. Und Quantencomputer spielen für die Verteidigung heute kaum eine Rolle: Den Schutz liefert PQC, auf ganz normaler Hardware.

Was KMU jetzt tun sollten

  1. Zahlungen nie allein per Mail, Anruf oder Video freigeben. Legen Sie fest, dass Überweisungen und geänderte Bankdaten über einen zweiten, bekannten Kanal bestätigt werden. Das stoppt auch den besten Deepfake.
  2. Phishing-resistent anmelden: Passkeys oder Sicherheitsschlüssel statt SMS-Codes, zuerst für E-Mail, Shop-Backend und Cloud-Konten.
  3. Schneller patchen: Wenn KI die Zeit bis zur Ausnutzung verkürzt, muss auch das Einspielen von Updates schneller gehen. Dafür müssen Sie wissen, welche Systeme von außen erreichbar sind.
  4. KI-Anwendungen testen: Chatbots und KI-Agenten mit Zugriff auf Kundendaten gehören vor dem Livegang auf Prompt Injection und ungewollten Datenabfluss geprüft.
  5. Ein Kryptografie-Inventar anlegen: Wo setzen Sie RSA oder elliptische Kurven ein, etwa bei TLS-Zertifikaten, VPN, E-Mail, Signaturen und Schnittstellen zu Partnern? Fragen Sie Hersteller und Hoster nach ihrem PQC-Fahrplan und bevorzugen Sie hybride Verfahren.
  6. Langlebige Daten zuerst: Was in zehn Jahren noch vertraulich sein muss, ist heute schon dem „Harvest now, decrypt later“-Risiko ausgesetzt und gehört zuerst auf die Umstellungsliste.
  7. Krypto-Agilität einplanen: Bauen Sie neue Systeme so, dass sich Verfahren austauschen lassen, ohne die Anwendung neu zu schreiben. Bei neuen Projekten ist das günstig, nachträglich teuer.

Ob Außenblick-Check, Penetrationstest für Shop und KI-Chatbot oder NIS2-Check: Unsere Cyber-Security-Leistungen für KMU setzen zertifizierte Security-Spezialist:innen aus unserem Partnernetzwerk um, mit Sharobella als Ansprechpartner und einem Festpreis nach Erstanalyse.

Häufige Fragen zu KI, Quantencomputern und Cybersicherheit

01
Was sind KI-Cyberangriffe?
Angriffe, bei denen Kriminelle KI nutzen, um bekannte Methoden zu beschleunigen: täuschend echte Phishing-Mails, geklonte Stimmen und Deepfake-Videos, das Suchen und Ausnutzen von Schwachstellen oder Schadsoftware, die ihren Code selbst umschreibt. Laut ENISA waren Anfang 2025 berichteten Zahlen zufolge mehr als 80 Prozent der beobachteten Social-Engineering-Aktivitäten KI-gestützt.
02
Was ist Post-Quanten-Kryptographie?
Verschlüsselungs- und Signaturverfahren, die auf heutigen Computern laufen und nach heutigem Wissen auch Angriffen mit Quantencomputern standhalten. NIST hat 2024 die ersten Standards veröffentlicht: ML-KEM für den Schlüsselaustausch, ML-DSA und SLH-DSA für Signaturen. Eingesetzt werden sie meist hybrid, also zusammen mit klassischen Verfahren.
03
Wann kann ein Quantencomputer RSA knacken?
Das weiß niemand. Eine Schätzung von 2025 geht für RSA-2048 von weniger als einer Million fehleranfälliger Qubits und unter einer Woche Rechenzeit aus, eine solche Maschine existiert heute nicht. NIST plant, RSA und elliptische Kurven nach 2035 nicht mehr zuzulassen, die EU will Anwendungen mit hohem Risiko bis Ende 2030 umstellen.
04
Ist AES quantensicher?
Weitgehend ja. Quantencomputer beschleunigen die Schlüsselsuche bei symmetrischen Verfahren nur begrenzt. Das BSI geht davon aus, dass AES mit 256-Bit-Schlüsseln langfristig hinreichend gegen Quantencomputer-Angriffe schützt. Gefährdet sind vor allem Public-Key-Verfahren wie RSA und elliptische Kurven, die für Schlüsselaustausch und Signaturen genutzt werden.
05
Was bedeutet „Harvest now, decrypt later“?
Angreifer speichern verschlüsselte Daten heute, um sie zu entschlüsseln, sobald Quantencomputer stark genug sind. Deshalb sind Informationen, die noch viele Jahre vertraulich bleiben müssen, schon heute gefährdet. Die US-Behörden CISA, NSA und NIST warnen ausdrücklich davor und raten, die Umstellung jetzt zu planen.
06
Wie hilft KI bei der Cyberabwehr?
KI findet Schwachstellen in Code, sortiert Warnmeldungen, erkennt Auffälligkeiten im Datenverkehr und beschleunigt die Reaktion auf Vorfälle. Laut IBM senkten Unternehmen mit KI und Automatisierung im Security-Betrieb die Kosten eines Datenbruchs 2026 um durchschnittlich fast 2 Millionen US-Dollar. Die Entscheidungen sollten trotzdem Menschen treffen.
Gehen Sie den ersten Schritt zu einer besseren digitalen Strategie.
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